Mit rund 30 ausgewählten Kunstwerken von 24 Künstler:innen aus der Sammlung Schaufler macht die Ausstellung OFFENE HORIZONTE die landschaftliche Trennlinie zwischen Himmel und Erde zum Thema und zeigt zugleich wie Kunst – im übertragenen Sinne – den Horizont öffnet und neue Perspektiven schafft.
Die Ausstellung OFFENE HORIZONTE ist als Erinnerung an das Sammlerpaar Peter Schaufler (†2015) und Christiane Schaufler-Münch (†2025) konzipiert. Sie vereint Highlights der Sammlung: von früh erworbenen Arbeiten wie Fritz Ruoffs Schnurcollage bis hin zu jüngsten Erwerbungen, darunter Sam Falls The Black Forest und Bertrand Laviers Walt Disney Productions 1947-2019 n°2. Wie vielfältig Künstler:innen das Thema der Landschaft und der Horizontlinie – im tatsächlichen wie im übertragenen Sinn – umsetzen, wird durch die Auswahl deutlich: von gegenständlichen bis zu abstrakten Werken, von Malerei über Fotografie bis Skulptur.
Der Blick in die Weite der Natur ist in der Kunst häufig auch Sinnbild für die menschliche Sehnsucht und Ausdruck des Erhabenen. Donald Baechler konterkariert dies, wenn er für Wienerwald die einfachen Umrisse eines Gebirges im Stil einer Kinderzeichnung einfängt. Bei Rupprecht Geigers Gemälde OE 221 erzeugen Farben und Formen zusammen eine ruhige, fast meditative Stimmung, die an einen Sonnenauf- oder untergang erinnert. Geprägt von einem dominanten Pink spiegelt das Bild die charakteristische Farbigkeit und Formensprache von Geigers Schaffens wider. In zwei Arbeiten von Antonio Calderara ist die Horizontlinie zwar stark abstrahiert, doch noch konkret zu sehen. Mit einer einzelnen waagrecht verlaufenden Linie stellt der Künstler den Horizont in seiner reduziertesten Form dar und weckt die Assoziation einer Landschaft. Vor Not Vitals Bronzeskulptur Sky, einem in die Höhe ragenden Ast, entsteht die Vorstellung des Naturpanoramas mit weitem Himmel im Kopf der Betrachter:innen. Der Titel ist in Buchstaben am oberen Ende des Astes fixiert und verortet den „Sky (dt. Himmel)“ auch rein räumlich über dem eigentlichen Werk. Der Horizont ist somit ebenfalls im Werk präsent, wenn auch nicht direkt sichtbar. In Roni Horns künstlerischer Arbeit spielen Naturphänomene sowie die physikalischen Eigenschaften der verwendeten Materialien eine zentrale Rolle. Das Werk Deeps and Skies zeigt ein Zusammenspiel scheinbarer Gegensätze: Spiegelung und Transparenz, Glätte und Rauheit sowie Festigkeit und Flüssigkeit. Der zunächst statisch wirkende Block lässt sich keiner eindeutigen Form oder Identität zuordnen. Ähnlich wie bei der Betrachtung einer Wasseroberfläche verändert sich die Wahrnehmung des Objekts je nach Lichteinfall und Standpunkt. Auf eine völlig andere „Horizonterweiterung“ spielen Sylvie Fleurys Mushrooms an: Sie sind nach Abgüssen von Waldpilzen aus Fiberglas gefertigt und mit einem speziellen Autolack überzogen, der sie in hypnotischen Farben changieren lässt – zwischen Verlockung und Gefahr. Neben Verweisen auf halluzinogene Drogen und damit einhergehende Bewusstseinserweiterung, erinnern die verführerischen Oberflächen an getunte Sportwagen oder Luxusobjekte und damit an die Versuchungen der schillernden Konsumwelt – ein wiederkehrendes Thema im Werk der Künstlerin. Der ZERO-Künstler Heinz Mack ist mit drei Werken in der Ausstellung vertreten. Für Marocco, das zum ersten Mal im SCHAUWERK gezeigt wird, verwendete er Sand als Bestandteil der Malerei. So wird die reale Landschaft nicht als Abbild, sondern über das authentische Material transportiert. In dem 1992 entstandenen Werkzyklus Iceland Project der Bildhauerin und Fotografin Magdalena Jetelová durchschneiden Lichtspuren die rauen Landschaftsformationen Islands. Die Land-Art-Interventionen markieren mithilfe eines Laserstrahls einen Teilabschnitt des mittelatlantischen Rückens. Entlang dieser Schwelle trennte sich vor Millionen von Jahren die nordamerikanische von der eurasischen Platte. Die am Boden entlanglaufenden Lichtinterventionen der Künstlerin laden dazu ein, über die Definition von Grenzen und die Bildung von Kontinenten nachzudenken. Sigmar Polke gibt in seinem Werk Bild den Blick frei auf die hölzerne Unterkonstruktion des transparenten Bildträgers und regt dazu an, über das Wesen der Malerei nachzudenken. Mehrdeutigkeit, Interpretationsoffenheit, Ambivalenz – Eigenschaften der Kunst, die vor Augen führen, dass nicht nur Antworten, sondern Fragen zentral sind. Diese Erfahrung vermittelt auch Robert Longo mit seiner über fünf Meter breiten Kohlezeichnung Ohne Titel (Dark Chapel). Die sakrale Architektur des dargestellten Kirchenschiffs wird als ein Ort transzendenter Erhabenheit inszeniert. Das Werk eröffnet einen Raum für Reflexion über Spiritualität, Hoffnung und das Göttliche. Auch auf formaler Ebene referiert der Künstler auf das Christentum, denn der Aufbau aus drei Teilen ist charakteristisch für traditionelle Altarbilder. Thomas Ruff findet das Erhabene in der Unendlichkeit des Kosmos, dem “offenen Horizont“ par exellence. Er nutzte Fotovorlagen des European Southern Observatory (ESO), eines Teleskops in den chilenischen Anden. Aus den Fotografien des Weltraums wählte Ruff Details und vergrößerte diese. Aufgrund der langen Belichtungszeit von zwei Stunden sind auf der Aufnahme deutlich mehr Himmelskörper zu erkennen, als mit bloßem Auge sichtbar wären. Sterne, die auf dem Foto scheinbar dicht beieinander stehen, befinden sich in Wirklichkeit weit voneinander entfernt. Obwohl es sich um unbearbeitete wissenschaftliche Fotografien handelt, vermitteln sie eine Gleichzeitigkeit und räumliche Nähe, die so nicht existiert. Thomas Ruff stellt damit die Frage, wie glaubwürdig Fotografien tatsächlich sind – und was ein Bild überhaupt zu zeigen vermag.
Dass Kunst und die Auseinandersetzung mit ihr zum Nachdenken anregt und die Bereitschaft fördert, sich Neuem zu öffnen, gehörte zu den Aspekten, die Peter und Christiane Schaufler schätzten und die ihre Sammelleidenschaft antrieb. Im Lebens- und Arbeitsumfeld verorteten sie Kunstwerke, sodass sie selbst wie auch die Mitarbeiter:innen ihres Unternehmens von dieser Stärke und Inspiration profitieren konnten. Diese Haltung wird bis heute fortgeführt. „Offene Horizonte“ ist somit wegweisend für das SCHAUWERK in einer Phase des Übergangs: Als Sammlermuseum ohne Sammler steht es vor der Aufgabe, sich nach dem Wegfall des Bezugspunkts der Sammler neu zu positionieren. Der Abschied von gewachsenen Strukturen eröffnet zugleich einen Raum für neue Perspektiven, aufbauend auf dem Vermächtnis und den Zielen des Stifterpaares.
27.07.2025–21.06.2026
SCHAUWERK Sindelfingen
Eschenbrünnlestraße 15
71065 Sindelfingen
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Text: (c) Schauwerk Sindelfingen
Foto: Rupprecht Geiger, OE 221, 1956,
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